Von fehlenden Zielsetzungen: re:publica 2009

Nach anderthalb Tagen auf der re:publica ein erstes Resume, ein erster Blick auf das Erlebte und erste Gedanken zum "wie sollte es gehen".

Die re:publica in Berlin versammelt rund 1.000 Teilnehmer vornehmlich aus dem In- aber auch aus dem Ausland. die sich irgendwie mit Medien beschäftigen, die bloggen oder twittern. Eine Gruppe, der man nachsagt, sie sei vorne an, sie also führend.

Aber wohin? Die Vorträge und Pausengespräche, die ich sah und hörte, ähnelten eher einer Nabelschau und enthielten immer das Bedauern, die Blogger seien keine Mediengröße, es gäbe nicht die Bloggergröße in Deutschland, und gerne wurde die Fragestellung wiederholt, ob Blogger nun Journalisten seien oder nicht. Gleichzeitig wird und wurde gerne erörtert, das iPhone nun das Twittern verändere oder nicht.

Kritisiert, mal laut, mal weniger laut, wurde also die fehlende Präsenz der Blogosphäre - verschwindend gering gegen die klassischen Medien - in der Gesellschaft, und (hört, hört!) es zeigte sich an der einen oder anderen Stelle Kritik an der aktuellen Sicherheitsdebatte - vorwiegend bezogen auf Datenschutz und -integrität in den neuen Medien.

Von einer Konferenz, die "shift happens" ausruft, erwarte ich anderes, erwarte ich mehr. Der Vergleich Johnny Häuslers mit der industriellen Revolution und der Änderung einer Gesellschaft durch die Erfindung des Fließbandes (weil wir uns gesellschaftlich durch Arbeit definieren, ändert eine grundlegende Arbeitsform die Gesellschaft) ist korrekt.

Ich erwarte von einer Konferenz, die "shift happens" zum Thema macht, den Versuch einer Skizzierung der Zukunft. Wir stellen fest, die Welt ändert sich, weil wir Grundlegendes ändern. Wir stellen fest, dass Privatheit sich ändert, weil soziale Netzwerke viel veröffentlichen, was vorher eigenes Wissen war, weil so etwas wie ein kollektives Gedächtnis existiert, dass nicht mehr vergisst.

Wir leben in einer Mediendemokratie, und wir spüren, dass sich etwas ändert. Nachrichten erreichen uns nicht nur über die klassischen Medien; aktuell kann verfolgen, dass sich Youtube-Videos weltweit rasend schnell ausbreiten können, wenn sie eine Nachricht - und sei es nur einen guten Witz - enthalten, die verbreitenswert ist. Das interessiert auch meine Freundin - schnell gemailt -, das interessiert meine Freunde - schnell in Facebook gesetzt -, das interessiert Gleichgesinnte - schnell in Twitter gepostet. Nachrichten und Informationen werden so privatisiert.

Welchen Einfluss hat das auf unsere durch klassische Medien instrumentierte Parteiendemokratie? Wie funktionieren Entscheidungen zukünftig? Heute versuchen Parteien krampfhaft "Geschlossenheit" zu demonstrieren, was ein angenehmer Euphimismus für "top-down"-Entscheidungen ist. Mit dieser Geschlossenheit versuchen Politiker auf nationaler Ebene Entscheidungsträger zu bleiben - ernsthafte Entscheidungsgewalt ist heute eher in den international agierenden Konzernen zu finden. Arbeit und die damit verbundene gesellschaftliche Anerkennung bestimmt den Einzelnen stark; Konzernentscheidungen strahlen damit über die Masse der einzelnen Arbeitnehmer in die Gesellschaft. Stärker, als es politische Entscheidungen heute vermögen.

"Shift happens": Einer Privatisierung der Politik kann durch eine Vergesellschaftung der Medien - einer Demokratisierung von unten - entgegengewirkt werden.

Freiheit - das sollte unser Thema sein. Uns die Freiheit zu erhalten, sollte unser Ziel sein. Eine Form der Freiheit zu definieren, die die aktuelle Situation, unsere Gesellschaft, unsere Mediengesellschaft und unsere Politikformen reflektiert.

Lasst uns unsere Ideen zusammentragen. Aus lauter kleinen Stückchen lasst uns eine Gesellschaftsidee zusammensetzen, die nach der elektronischen Revolution trägt.



PS. Erste Schritte hierzu hätte ich gerne auf der re:publica getan.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.