Revolutionäre Zeiten

Wenn man die Anfänge einer Subkultur miterlebt, sich langsam in neue Strukturen hineinbegibt und jeder Schritt nur durch eigene Entscheidungen erfolgt - und nicht durch gesellschaftlichen Druck, dann merkt man erst spät, dass sich eine neue Kulturform gebildet hat, deren Teil man ist.

Sehr lange lebe ich mit den Wertemaßstäben der LOHAS. Der Name ist jünger als meine "Lebensform". Für die Art, wie ich auf Grund des Internet lebe und arbeite, kenne ich noch keinen verallgemeinernden Namen. Aber auch dies ist eine Kultur, welche eine neue - und dennoch alte - Politikform neu belebt: die Demokratie.

Erzählungen von Wochenend- und Abendgestaltungen meiner Generation und meines Umfeldes beschreiben Barcamps, Webmontage, Analytic-Wednesdays, Unconferences und OpenSpace-Elemente. Oder FlashMobs.

Vorbereitet werden diese Events in internetbasierten Medien: E-Mail, Skype-Chats, IRCs, auf projekt- bzw. themenorientierten Websites / Homepages oder in SocialMedia-Plattformen.

Die bisherigen Medien - sei es die Print- bzw. die TV-/Radiolandschaft - gestaltete die Öffentlichkeit über Meinungsführerschaft. Bei Problemen wurden Experten gefragt, wobei die Anzahl der regelmäßig auftretenden Experten deutlich abzählbar ist. Entsprechend werden Konferenzen und Wissensaustausch durchgeführt. Ein Wissender spricht vor vielen Anderen - die Meinungsführerschaft liegt bei diesem Einzelnen, die Masse hat diese Meinung zu adaptieren.

Unsere Veranstaltungsformen glauben an die Weisheit von Vielen. Wir wissen, dass sich zu jedem Thema jemand findet, der genau für diese Fragestellung eine Expertenrolle einnehmen oder eine Diskussion - auf dem jeweils angemessenen Niveau - moderieren kann. So entsteht eine lebendige Art der Auseinandersetzung, die Neben- und Hauptdiskussionsstränge zulässt, erfordert, ermöglicht und wieder zusammenführt.

Unsere Veranstaltungen sind interessegetrieben. Es ist nicht die Frage, welcher Experte sprechen kann, sondern ob sich zu den Themen, die das Publikum bewegt, ein Sprecher bzw. ein Moderator gefunden werden kann. Kleine Stimmen erhalten ihren Platz und können durch eine Menge reflektiert werden und laut wahrgenommen werden; genau diese kleinen Stimmen würden in Expertenrunden herkömmlicher Art zu keinen Zeitpunkt gehört werden oder vielleicht mit einer für den Experten nicht nachvollziehbaren und daher nicht beantwortbaren Frage den Ablauf eher stören, als einen Prozess auslösen.

Auch die Art der Berichterstattung zu diesen Veranstaltungen erfolgt themengebunden und gleichzeitig dezentral. Diskussionen werden offen, dabei i.A. nicht ehrverletzend geführt. Die (gefühlt) vor Jahrzehnten festgelegte Netiquette lebt und führt zu einer Ernsthaftigkeit und Tiefe in der Auseinandersetzung, die ich zumeist bei aktuell agierenden Politikern vermisse.

Vor Jahren forderte Willi Brandt "Mehr Demokratie wagen". Heute heißt es, die junge Generation sei politikverdrossen. Verdrossen ist diese Generation über Abläufe und Prozesse herkömlicher Medien und der damit einhergehenden Parteidemokratur.

Wir reden nicht über Demokratie. Wir leben sie.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.