Optimiert und im Flow: schöne neue Arbeitswelt

"Work hard Play hard" nimmt die moderne Arbeitswelt ins Visier. Die Dokumentation von Carmen Losmann zeigt große, internationale Unternehmen wie Unilever, Kienbaum und Accenture in ihrem Streben nach Optimierung: "Wir sind fusioniert, reorganisiert, restrukturiert. Auf dem Papier ist alles wunderbar. Trotzdem läuft das Geschäft gerade gar nicht. Und es gibt einfach eine zu große kritische Masse an Mitarbeitern, die einfach nicht das tut, was schön wäre."

Erkenntnisse

Arbeitsräume werden heute so gestaltet, dass sie nonterritorial sind (also keinem gehören), dafür wird edelster Kitsch in rot aufgehängt, damit der Mitarbeiter sich zu Hause fühlt. Aber nicht in braun - das wäre dann "zu sehr zu Hause".

 

Weil irgendeine Studie mal rausgefunden hat, dass echte Innovation nicht in Meetings, sondern informell entsteht, werden Arbeitsräume so konzipiert, dass Meetings nicht in Konferenzräumen, sondern in offenen Begegnungsräumen stattfinden. Gerne mit Sessel mit breiten Lehnen an Stelle von "normalen" Tischen und Stühlen - da lernt man gleich das Jonglieren mit wichtigen Schriftstücken. Ob dadurch mehr Innovation entsteht?

 

Die Mitarbeiter werden gedrillt und optimiert. In internen Assessment-Centern werden die Talente gesucht, die Ergebnisse in der passenden SAP-Software für den Personaler aufbereitet. Die Frage nach Datenschutz wird mit "Viele machen das so, das wird schon rechtens sein." beantwortet. Die nicht zum internen Assessment-Center gehen, erleben unwürdige Team-Spiele mit verdeckten Augen mit Video-Kontrolle. Ihnen wird mitgegeben, eine Erkenntnis des Tages mit in die Arbeit zu nehmen. 

 

Womöglich gehen sie in ein Unternehmen zurück, welches als Führungskodex formuliert: "Das Führungsprinzip des primus inter pares basiert auf dem Führungsstil des unterstützenden Führens. Dessen Elemente sind: Reflektiv, Empathisch, Wertschätzend, Alert, Rational und Direkt. Kurz: REWARD."

 

Aber so richtig klappt es dann doch nicht mit der täglichen Optimierung, dabei ist es so gut geplant. Die Runde - persönlich, als Stand-Up im Team mit Vorgesetzten - verkommt zur Comedy durch folgenden Schlagabtausch: "Wie geht's uns heute?" "Gut" Wie ging's uns gestern?" "Besser!" "Warum?" "Weil ich nicht hier war." So hat sich das die Change Agentin, die die tägliche Optimierung in die DNA jedes einzelnen Mitarbeiters verpflanzen wollte, sicher nicht vorgestellt.

 

Und die Aussage, man setze auf Vertrauensarbeitszeit und brauche keine Zeiterfassung, hinterlässt spontan beim Zuschauer das Gefühl, keiner der gezeigten Mitarbeiter dieses Unternehmens würde nur 40 Stunden / Woche arbeiten. Da bekommt das Wort "Vertrauen" in Vertrauensarbeitszeit eine ganz neue Bedeutung.

Der Film

Die Dokumentation von Carmen Losmann verzichtet auf Zwischenfragen. Sie zeigt die neue Arbeitswelt in starken Bildern und durch Statements von Führungskräften, Mitarbeitern und Beratern. Der Film zeigt eine Wirtschaft, die auf Wachstum und Optimierung setzt. Wobei Optimierung immer die Marge meint.

 

Die ruhige Kameraführung, das lange Halten von Einzelmotiven wirkt entlarvend. Keine kritische Zwischenfrage ist notwendig, um das Gezeigte bzw. Gesagte zu hinterfragen. Das geschieht wie von selbst.

 

Gleichzeitig entsteht gerade durch das ruhige Bild gepaart mit den Worthülsen-Statements eine verzweifelt Komik. Mit Galgenhumor begegnen den Kinobesucher diesem Film. Man wünscht sich mehr. Für die anderen und sich. In der schönen, neuen Arbeitswelt.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.


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Kommentare: 4
  • #1

    Susann (Freitag, 20 April 2012 10:19)

    jaja die schöne neue Welt - wir leben doch schon praktisch auf der Arbeit, Work life balance interessiert erst dann wenn der Mitarbeiter zusammengeklappt ist und nicht mehr "funktioniert" hoffe dir geht es gut? LG

    Susann

  • #2

    Vanessa (Freitag, 20 April 2012 10:29)

    Wo kann man die Doku denn bekommen? Sehr guter Beitrag jedenfalls. Ich werde vermutlich einen Anfall nach dem anderen bekommen, schon weil es dabei ja auch um meine Profession geht. Schon in dem Youtube Video sieht man sehr schön, wie professionelle Ahnungslosigkeit geht.

  • #3

    Judith Andresen (Freitag, 20 April 2012 10:52)

    Die Doku läuft aktuell im Kino. In Hamburg z.B. im Abaton.

  • #4

    Judith Andresen (Freitag, 20 April 2012 10:53)

    @Susann: bei mir ist alles bene. (Details sollten wir auf andere Kanäle verlagern...)