„Ich brauche da mal kurz Deine Meinung...“: Rückdelegation erfolgreich umgehen
- Judith Andresen

- vor 1 Stunde
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Ihr hattet die Aufgabe ganz gut auseinandersortiert. Dein*e Kolleg*in hatte die Delegation angenommen. Doch dann steht er*sie in der Tür beziehungsweise materialisiert sich im Chat + präsentiert Dir das Problem in neuem Gewand: "Du sag' mal, ...". "Könntest Du schnell mal..." könntest Du dort auch hören. Vielleicht liest Du auch: "Was meinst Du zu...?"
Du spürst in Dir den Impuls, einfach eine Lösung zu formulieren oder eine Antwort zu geben, damit schnell Ruhe ist + der Prozess gut vorangeht. Vielleicht hast Du auch das Gefühl, dass Du Dein Gegenüber nicht im Stich lassen möchtest. Vielleicht stellt sich in Dir das Gefühl ein, dass einfach nicht ohne Dich geht.
Vielleicht magst Du das, vielleicht stresst Dich das. Egal, was Deine Motivation ist, die Annahme der Rückdelegation ist teuer.
In jedem Fall kostet Dich + Deine*n Delegationsgeber*in eine direkte Annahme der Rückdelegation Zeit, wahrscheinlich Kraft + sicher Motivation.
Wenn also die Rückdelegation im Raum steht, liegt es an Dir, diese nicht anzunehmen + Deinem Gegenüber die Möglichkeit auf Verantwortungsübernahme zu geben. Wenn Du das nächste Mal merkst, dass der Affe von der Schulter Deines Gegenübers auf Deine eigene springen will oder soll, nutze einen für Dich, Dein Gegenüber + die Situation stimmigen Führungsimpuls:
1. Den Elefanten im Raum ansprechen

Eine direkte Rückmeldung hilft, die Rückdelegation als Solches zu erkennen, so dass beide Seiten diese umgehen können. Ein einfaches Übernehmen wäre nicht hilfreich für Dein Gegenüber + würde manifestieren, dass Du direkt bei aufkommenden Schwierigkeiten "wieder in Charge" wärest. Genauso wenig wären Vorwürfe der Form "Warum muss ich immer alles machen?" hilfreich.
Deine Frage im Sinne einer dienenden Leitung macht Deinem Gegenüber möglich, einen klaren Blick auf die Delegation, den konkreten Wunsch nach Rückdelegation sowie neue Handlungsoptionen zu entwickeln:
„Mein Gefühl ist, Du möchtest gerade nicht in die volle Verantwortung gehen. Was kann ich dazu beitragen, damit Du Dich sicher genug fühlst, das Ding selbst zu entscheiden?“
Ermutigen, Raum geben, Möglichkeiten erkunden lassen, womöglich eine*n Tandempartner*in evaluieren: der Möglichkeitsraum, um die Verantwortung doch zu übernehmen, ist groß.
2. Den Delegationsgrad klären

Wenn die Aufgabe sich für den*die Delegationsnehmer*in als schwierig entpuppt, wenn Mut gefordert ist, ein unbekanntes Vorgehen identifiziert werden muss oder aus der Aufgabenbearbeitung sich Konflikte ergeben, könnte sich eine Rückdelegation mit dem Satz
"Du, ich weiß nicht genau, mir ist es lieber, wenn Du da nochmals draufguckst." anbahnen.
Du sorgst für Delegationsklarheit + erinnerst Dein Gegenüber an die eigene Gestaltungsmacht: „Lass uns kurz auf unsere Abmachung schauen: Nach meinem Verständnis + in meiner Erinnerung hast Du die Aufgabe im Delegationsgrad 6 übernommen. Demnach wäre es meine Aufgabe, mich nach Beendigung über Verlauf + Ergebnis zu informieren. Nun bist Du früher hier. Welchen Delegationsgrad wünscht Du Dir eigentlich? Und wie bekommen wir das gut hin?"
Bei Bedarf pokert Ihr die Aufgabe erneut aus. Ihr klärt dabei, wer wann was + wie zur Aufgabenlösung + zu notwendigen Entscheidungen beiträgt. Diese Klarheit hat das Potenzial, Dein Gegenüber zur ermächtigen, zu ermutigen + wachsen zu lassen.
3. Führungs-ABC nutzen

Häufig delegieren Teams zurück, weil sie Deine Rolle in der konkreten Situation nicht einschätzen können. Sie suchen vielleicht nur Resonanz, landen aber bei Dir unbewusst eine Bitte um Anweisung. Wenn Du hier nicht trennscharf agierst, ziehst Du die Entscheidung ungewollt wieder an Dich.
Deine Frage nach der korrekten Begleitung im Führungs-ABC schafft Handlungsspielraum + übt Verantwortungsübernahme für sich selbst:
" Was brauchst Du von mir? Möchtest Du ein Coaching, um Deine Lösung zu entwickeln? Suchst Du fachliche Beratung oder erwartest Du eine klare Anweisung?“
Die explizite Wahl gibt Deinem Gegenüber die Möglichkeit, eine angemessene Entwicklungsform + die zugehörige Autonomiestufe zu wählen. So können die Beteiligten einen für sie stimmigen Rahmen finden, um die delegierte Aufgabe erfolgreich zu meistern + dabei zu lernen.
4. Den Challenge-Modus aktivieren

Der vierte Weg die Rückdelegation nicht anzunehmen, ist das schlichte Verweigern die Aufgabe anzunehmen. Mit der Aufforderung
"Komme bitte in zwei Stunden wieder und bringe einen konkreten Handlungsvorschlag mit. Den challengen wir dann gemeinsam, und Du entscheidest danach, wie Du weitergehst.“
bringst Du Dein Gegenüber in die konkrete Denkarbeit + Arbeit an der Lösung.
So wird Dein Gegenüber zum*zur Gestalter*in, statt zum*zur reinen Problembot*in. Auch macht diese Aufforderung deutlich, dass die Lösungskompetenz auf Seiten Deines Gegenübers liegt.
Rückdelegation lohnt sich
Rückdelegation konsequent zu unterbinden, fühlt sich im ersten Moment oft sperrig oder unhöflich an. Besonders, wenn Du gerne unterstützt + zügige Umsetzungen wünschst, wird jede angenommene Rückdelegation sehr teuer. Sie hält alle auf, verhindert die Verantwortungsübernahme der Kolleg*innen + kosten Motivation.
Wenn Du den Affen nicht übernimmst, gibst Du Deinen Teammitgliedern die Chance, echte Kompetenz aufzubauen, Selbstwirksamkeit zu erleben + so wirklich Aufgaben zu verantworten.
Rückdelegation zu stoppen ist aktive Arbeit am System und ein wesentlicher Teil Deiner Aufgabe, ein Team sicher in die Selbstorganisation zu führen. Es lohnt sich: Für die Motivation Deiner Leute und für Deinen Freiraum, Dich endlich wieder um Deine strategischen Themen kümmern zu können.



