Letzte Aufgabe: Sterben

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"'Sein Buch, sagt Corinne O'Kelly [seine Ehefrau], sei eigentlich nicht als Ratgeber gedacht gewesen." Trotzdem ist es einer geworden."

 

Diese Sätze las ich vor einiger Satz in einer Buch-Rezension auf Spiegel Online über das Buch "Chasing Daylight" von Eugene O'Kelly. Das machte mich neugierig, und ich bestellte umgehend das 179 Seiten lange Buch aus dem "McGraw-Hill Companies"-Verlag.

Eugene (Gene) O'Kelley führt KPMG in Amerika, eine der größten Wirtschaftsberatungsunternehmen. Im Alter von 53 Jahren erfährt er unverhofft und unerwartet, dass er an einem inoperablen Gehinrntumor erkrankt ist. O'Kelly hat noch hundert Tage zum Leben... und zum Sterben.
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Das Buch "Chasing Daylight" basiert auf Tagebuch-Eintragungen O'Kellys, welches er direkt nach der Krebsdiagnose zu schreiben begann.

Was Gene O'Kelly von anderen Menschen signifikant unterscheidet? Er nimmt Abschied von der Welt, er schaut seinem eigenen Ende offen ins Gesicht und beschönigt nichts. Das ist das Besondere an diesem Mann - und an diesem Buch. Diese schonungslose Offenheit macht es in gewisser Weise lesenswert.

Schnell entscheidet sich Gene O'Kelly seine Arbeit aufzugeben, um eine "möglichst gute Zeit als letzte Zeit" zu haben. Eine Chemotheraphie bricht er nach wenigen Tagen ab: die Kosten-Nutzen-Rechnung geht nicht auf. Er würde einige Tage / Wochen Aufschub mit zu vielen Nebenwirkungen bezahlen.

Der Untertitel des Buches lautet "How My Forthcoming Death Transformed by Life". Es lautet nicht: "How my fourthcoming dead changed me." Es ist ein sehr ehrlicher Titel. Gene O'Kelly verändert sich nicht wesentlich; lediglich das Subjekt seiner Handlung ändert sich. Es sind nicht mehr Entscheidungen für KPMG zu tragen, sondern Gene O'Kelly hat seinen Abschied von der Welt zu managen. Hierfür fertigt er eine Liste an:

  • Get legal and financial affairs in order
  • "Unwind" relationships
  • Simplify
  • Live in the moment
  • Create (but also be open to) great moments, "perfect moments"
  • Begin transition to next state
  • Plan funeral

Das Hauptaugendmerk legt Gene O'Kelly darauf, seine Beziehungen "abzuwickeln". Und genau so, wie O'Kelly als Manager in A-, B- oder C-Kunden klassifiziert hat, klassifiziert er nun seine ca. 1000 (!) Bekannte und Freunde. Bei ihm gibt es fünf Kategorien von "Nahe-Sein". O'Kelly arbeitet sich von außen zum inneren Kreis vor. Erst die weitläufigen Bekannten, dann die Freunde, schließlich seine beiden Töchter und seine Ehefrau. Ziel: Abschied & Trauer nehmen.

Die äußerste Kategorie erhält Briefe und Telefonanrufe, mit den näher stehenden Personen trifft sich O'Kelly final. Jedes Treffen soll etwas Besonders sein und haben.

Dass Gene O'Kelly seinen Abgang von der Welt so plant, dass er also zum Manager seines eigenen Todes wird, dass macht dieses Buch nicht lesenswert. Im Gegenteil, O'Kellys Bemerkungen, er würde sich durch seinen nahen Tod ändern, er würde seine Prioritäten anders setzen, er würde auf das Einfache im Leben setzen - das wird durch sein beschriebenes Handeln widerlegt. Er war und ist Manager mit einem klaren Blicke für Ziele & Zeitplanung.

Dieses Buch mag Ausdruck dafür sein, dass der Tod in Amerika noch mehr als in Europa tabuisiert wird. Wer im Prinzip anerkennt, dass er eines Tages sterben wird, für den ist "Chasing daylight" kein Ratgeber. Die Wahrheit, die Gene O'Kelly für sich findet ("Lebe im Moment. Genieße ihn!" - ist hinlänglich bekannt: "Carpe diem!"), mögen für ihn bedeutend gewesen sein; sie rechtfertigen es aber nicht, ein Buch darüber zu schreiben.

Auf der Suche nach Einfachheit in seinen letzten Wochen stellt O'Kelly fest: "But being relevant is not relevant." Er charaktierisiert damit seine Management-Kollegen, die vor lauter Wichtig-Sein vergessen zu leben, die vor lauter Zukunfts- und Zeitplanung keine Zeit mehr haben für die wichtigen Dinge im Leben. Und er fordert, man möge im "Hier und Jetzt" leben. Leider hält sich O'Kelly nicht an diese Regel; er plant ständig, wie die nächste Verabschiedung sein soll.

Dabei übersieht O'Kelly bei seinem "Unwinding", dass "Abschied nehmen" ein bilateraler Prozess ist. Der Autor ist verstört darüber, wenn nach einem letzten Gespräch sich Personen nochmals bei ihm melden, um ihn z.B. aufzufordern, seine Krankheit zu bekämpfen. Leute, die sich in diesem Sinne nicht an die (seine!) Verabschiedungsspielregeln halten, klassifiziert O'Kelly wie folgt: "...friends, who where in a bad place, or in lousy marriages, or didn't believe in some divine being or greater purpose...". Die Regeln für die Verabschiedung folgen denen eines Briefings. Nach erfolgtem Briefing ist das Besprochene abzuarbeiten. Widerworte sind nicht erwünscht. Gene O'Kelly möchte die Verabschiedung jeweils als "perfekten Moment" erleben.

Von seiner jüngsten Tochter hat er sich in seinem Sinne nie verabschieden können, weil er nicht das richtige Umfeld, den richtigen Ort, die richtigen Wort findet. Und so ist dieses Buch auch ein Zeugnis eines großen Scheiterns. 3 Wochen benötigt O'Kelly, um sich von seinen Freunden & Bekannten aus dem äußersten Kreis zu verabschieden; 3 Wochen, die er mit seiner 14-jährigen Tochter hätte verbringen können. Mit der nicht den perfekten Moment erlebt - was ja O'Kelleys Ziel ist.

Im Klappentext des Buches steht, das Buch sei "a compelling message about how to live a more vivid, balanced and meaningful life". Der Spiegel empfiehlt das Buch auch als Ratgeber an die Lebenden. - Ja, das Buch gibt einen Rat: lest, bevor Ihr einen Text kritisiert, das ganze Buch - und nicht nur den Klapptentext. Das Lesen dieses Buches lässt keine besonderen Momente entstehen, es ist verschwendete Zeit.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.