Offen 12/xx

In der Generation meiner Eltern gibt es - bis auf wenige Ausnahmen, die diese Regel natürlich bestätigen - nur wenige Frauen, die das Kochen nicht beherrschen. Und wenn auch die Ergebnisse nicht alle Haute Cuisine sind, so lässt sich doch feststellen, dass bei einem Großteil dieser Generation der Kochlöffel geschwungen wird.

 

In meiner Generation ist das anders. Warum eigentlich?

Neben wenigen überzeugten Köchen, die sich stundenlang über die Vorzüge ganz bestimmter Olivenöle ("Nur aus der Toscana!") unterhalten und eine manierliche Sammlung an Schneebesen vorweisen können ("Jede Anwendung braucht halt sein Tool.") gibt es viele Personen, die zwar ganz tolle Küchen besitzen, die aber nicht in der Lage sind, eine Vinaigrette herzustellen und doch lieber auf die Tüten von Knorr zurückgreifen.

Die Fachsimpeleien erfolgen dabei schön gleichberechtigt zwischen Männern und Frauen. Ah, sehr schön, die Männer emanzipieren sich in der Küche. Danke, Ihr lilafarbenen Latzhosen, Ihr habt was bewegt.

Warum fehlen aber in den anderen Küchen, diesen sagenhaften Designer-Küchen, so einfache Bestandteile wie zum Beispiel Essig? Und warum gibt es diesen Drang zum Fertigessen? Oder Fast-Fertig-Essen? Sie müssen nur noch Sahne & Fleisch hinzufügen - fertig!

Wir können in warmen Farben die Erlebnisse aus der Sesamstrasse schildern: "ABCD.... - habt Ihr schon einmal solch ein Wort gesehen?". Wir können erklären, wie Ernie eine Banane mit Bert teilen wollte, und das sein Ansinnen, gerecht zu sein, an den Unzulänglichkeiten der Banane scheiterte. Wir erinnern uns an Flipper und Fury. Wir sind mit dem Sandmännchen ins Bett gegangen. Und wir können auch die Geschichten der "???" erzählen.

Das Gehirn hat nur eine begrenzte Aufnahmefähigkeit. Das neue Medium Fernsehen hatte die Bücher noch nicht vollständig verdrängt. Also fiel etwas anderes hinten unter. Der Umgang mit dem Essen, das Kochen, das haben wir nicht gelernt.

In schicken Küchen und mit einem ultracoolen, natürlich original italienischen, Kaffeeautomaten wird dieser Umstand möglichst verheimlicht. Die Nachhilfestunden erteilen uns nicht unsere Mütter - sondern das Medium, das uns um den Lernerfolg brachte, liefert nun das nötige Wissen nach. Tim Mälzer und das perfekte Dinner lassen in uns die Illusion des Lernens entstehen. Liebevoll werden die Zutaten erläutert. Das Sekundär-Erleben im Fernseher lässt die eigenen Versuche nicht mehr nötig erscheinen. Wir wissen ja, wie's geht - dann können wir ja auch zur Tütensuppe greifen.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.