Ach Kind, Eure Zukunft!

Dies ist eine öffentliche Antwort auf den Satz ein "Ich mache mir so Sorgen um Euch, um Eure Generation, es wird alles immer schlimmer. Ich bin froh, dass ich alt bin, dass muss ich nicht mehr erleben".

 

Dieser Satz fiel in einem sonntäglichen Gespräch mit der Großmutter, jugendlich im Krieg ("Hitler hat mir meine Jugend geklaut."), heute weit über achtzig - eine Heldin im Sorgen-machen.

Eine Herausforderung, in denen wir gerade leben, ist eine Gesellschaft, die lernen muss, das neue Informationsmedium Internet gesellschaftsverträglich, womöglich sogar -fördernd, in unser Leben zu integrieren. Eine weitere Herausforderung besteht in "Peak Oil" und der Frage, woher der Treibstoff, die Energie für die Wirtschaft, nein alles, also unser Wohlergehen in spätestens 30 Jahren herkommt. Ach, und dann gibt es noch eine Frage, ob und wie wir die Staatsschulden, die wir für den Wohlstand und die Sicherheit der Kriegstraumatisierten ausgegeben haben, abbezahlen. Über diese Themen denken wir nach.

Auch wenn das globalgalaktische Fragen sind: wir haben Zeit. Keine dieser Fragen ist heute akut existenzbedrohend. Wir können darüber nachdenken, wir haben die Chance, einen Weg zu finden.

Wenn ich mir Deine, verzeih mir die gleiche Verallgemeinerung, mit der Du begonnen hast, Eure Vergangenheit ansehe, nein, Oma, so möchte ich nicht leben. Ich möchte nicht Angst haben, für jedwede nicht erwünschte Äußerung abgeholt zu werden. Ich bin mir meines Zu Hauses sicher, niemand wird kommen, mich wegen meines Glaubens oder Herkunft kasernieren oder mich erst vergewaltigen und dann von Haus und Hof vertreiben. Ich muss nicht in Bombenkellern um mein Leben fürchten. Ich bin auch nicht gezwungen, in den Krieg zu ziehen, um Soldaten und Zivilisten zu töten; niemand erwartet von mir, Juden abzuholen, Menschen zu quälen und zu töten. Und ich muss nicht hungern. Ich muss nicht auf Care-Pakete warten, die meine einzige Nahrung darstellen. Ich esse jeden Sonntag ein ganzes Frühstücksei; ich muss mir nicht mit meinem Bruder zu Ostern ein Ei teilen. Ich habe keine Angst, ich habe nicht diese existenzielle Angst, wie Ihr sie hattet.

Ja, wenn Du mich fragst, ich halte es für falsch, dass wir diese Ängste woanders hintragen. Ich halte es für falsch, weitere Menschen zu traumatisieren. Aber das ist ein anderes Gespräch.

Aber für mich gilt: die Zukunft stellt eine Herausforderung dar. Sie ist keine Bedrohung. Ich mag dieses Leben, und ich möchte es leben.

Viele Themen, die wir heute gesellschaftlich zu bewältigen haben, gründen in der Sprachlosigkeit zwischen unseren Generationen. Deine Generation hat aufgehört, über Gefühle zu sprechen. Wenn ich auf Euer Leben sehe, tut es mir leid. Ich sehe viel Leid und Unglück. Viel Ohnmacht. Ich verstehe, dass Ihr aufgehört habt zu reden. Für diese Erlebnisse lassen sich nur schwer Worte finden, ohne das man vollständig zusammenbricht.

Oma, ich teile Dein Leid. Ich erkenne den Schmerz Deiner Generation an. Es geht mir nicht um Schuld. Es geht mir um Dein Erleben. Ich biete Dir einen Blick auf mein Leben, meine Gefühle an. Vielleicht hast Du dann die Chance, meine Zukunft so zu sehen, wie sie ist.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.