Von wirklichen und nicht-wirklichen Skandalen

Ein amerikanischer Diplomat bezeichnet Angela Merkel als "Teflon-Merkel" und referenziert auf ihre sture Verhandlungshaltung. Herrn Westerwelle wird attestiert, dass er sich überschätzt, arrogant wirkt und leicht reizbar ist.

Das ist kein Skandal. Das ist eine reelle Einschätzung von Personen. Das mag jetzt für die Beteiligten konkret ein bißchen unangenehm sein. So what? Das ist keine Krise, das ist Alltag.

Deutsche Journalisten stürzen sich trotzdem auf diesen Tatbestand. Für Printerzeugnisse, die Diplomatie auf dem Niveau von "der hat aber gesagt, dass er mich mag, und zu seiner Mama sagt er was Anderers" als Skandal oder Affäre stilisieren, zahle ich kein Geld. Das ist kein Qualitätsjournalismus, das ist Boulevard.

Die journalistische Chance, die in der Veröffentlichtung von ca. 250.000 Depeschen, also in #cablegate liegt, ist, dass qualifizierte Journalisten überprüfen können, ob gelebte und nach außen bekundete Politik mit den inneren Werten und den tatsächlichen Zielen der Amerikaner übereinstimmt. Über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Iran oder Korea erwarte ich. Ein Abgleich der Außenpolitik mit internen Aussagen, eine Bewertung interner Aussagen, eine Analyse der Außenpolitik vor dem Hintergrund von Binnen-Aussagen, das erwarte ich.

 

Dafür würde ich gerne auch Geld zahlen. In Deutschland kenne ich keine Zeitung, die mir das liefert.

 

Dieser Blog-Post ist ein privater Beitrag von Judith Andresen.