Angst essen Strategie auf: Warum das Ist zu Ende gedacht werden muss.
- Judith Andresen

- vor 10 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Wenn Führung + Strategie gerade nicht gelingen, steht vielleicht Angst im Weg. Wenn Angst in uns ist, gelingt es uns nicht, uns aus der Ist-Situation zu lösen + wirklich nach vorne zu denken.
Angst hat viele Gesichter. Sie ist im Führungsalltag, sie kann in Krisen oder vor großen (=strategischen) Entscheidungen aufkommen. Angst ist groß + diffus. Angst nimmt den Beteiligten konkrete Handlungsoptionen.
Einen Umgang mit der Angst finden
Angst kann lähmen. Angst kann in den Angriff führen. Angst in die Flucht führen. Angst kann ins Verdrängen + das Erdulden führen.
Wenn Organisationen seit vielen Jahr(-zehnt)en auf das gleiche Geschäftsmodell setzen, macht es Angst, wenn dieser Standard aus der Zeit zu fallen scheint. Gewissheiten verschwinden.
Wenn Prozesse + Strukturen beständig sind + "immer so da waren", macht es Angst, wenn die Kund*innen sich einfach anders verhalten. Gewohnheiten werden in Frage gestellt.
Wenn die Quartalsentwicklung sich für das Jahr verstetigt, wird das Geschäftsjahr ein deutlich negatives Ergebnis haben.
Wenn die Beteiligten in ihrer Angst bleiben, wird ihre Energie in die Angst gehen, nicht in den anderen, den neuen Weg.
Der Angst das Diffuse nehmen

Das Bedrohliche in der Angst, das Lähmende in der Angst liegt im ungefähren, im Großen, in der Ohnmacht.
Die aktuelle Situation + deren Auswirkung zu kennen, mehr noch: anzuerkennen, nimmt der Angst ihre Macht. Der Angst diese Macht zu nehmen, gelingt über das Erkennen + Anerkennen der Folgen:
"Wenn Du das hier zu Ende denkst, was genau wird passieren? Und wie sieht es da? Wie wirst Du Dich fühlen? Wie wirst Du handeln?"
Damit die Angst zu einer Sorge wird, braucht es konkrete Antworten auf das vorher Denkbare. Auch wenn diese Antworten hart sind.
Die gültige Alternative zu kennen macht den Lösungsraum auf
Dabei scheuen sich viele Organisationsmitglieder, inklusive der Führungskräfte, die Angst wirklich in Worte zu kleiden. "Dann müssen wir entlassen" ist eine mögliche Angst, die im Ausspruch: "Wir sind ein Familienunternehmen, wir werden keine Menschen entlassen" mündet. Mit dieser Prämisse ist unmöglich, sich wirklich Alternativen auszudenken, weil die Angst + das Verdrängen einer möglichen Alternativstrategie keinen Raum lässt. Wenn die Führungskräfte sich der Frage
Was passiert genau, wenn die Angst Recht hat?
stellen können. In den obigen Szenarien könnten das Antworten sein wie:
Wenn das Geschäftsmodell sich wandelt, werden aus Grund XYZ 10% der Kund*innen bleiben. Mit deutlich verkleinerter Besetzung können wir weiter arbeiten. Auf die Entlassungen freue ich mich nicht. Wir kommen da durch.
Wir werden auf unsere Prozesse + Strukturen nicht mehr setzen können. Das wird ungemütlich werden, aber es wird werden. Wenn wir Zug um Zug umstellen, dann wird es gehen. Holperig, aber es wird werden.
Wenn die Ergebnisse im nächsten Monat sich fortschreiben, benötigen wir einen Abbauplan + eine Idee für den Tag "danach".
Diese Antworten mögen trivial erscheinen oder in Eurem Fall ganz anders aussehen. Wenn die Führungskräfte klarkriegen, dass es weitergeht, wenn die Angst eintritt, nehmen sie der Angst ihre Macht. Sie sind nicht mehr ohnmächtig.
Diese Mechanik nutzen die Beteiligten in Retrospektiven aus, in dem sie die aktuelle Situation pessimieren: "Wenn ihr die Situation so richtig falsch würdet, wenn Ihr grandios gescheitert wäret, was hättet Ihr gemacht + wie wäre es dann?"
Eine andere Frage, wie sich die Beteiligten ihren Ängsten stellen können, ist die Frage nach der Nicht-Handlung: "Okay, das ist Euer Ist-Stand. Wenn Ihr genau so weitermacht, wie Ihr jetzt handelt, wo steht Ihr dann in fünf Jahren?"
Mit dem Konkretisieren der Angst wird diese zu einer Sorge. Oder anders gesagt: "Schlechte Gefühle sind wie Scheinriesen. Sie werden kleiner, wenn man über sie spricht."
Sobald die Sorge im Raum steht, wird sich der Lösungsraum für die Beteiligten öffnen. Es wird sich Energie + Mut zeigen, weil die die Ängste nicht mehr lähmen können. Und dann macht der Blick in die Zukunft wieder Spaß, weil die gute Veränderung machbar wirkt + ist.

Anhang: Sich nicht ängstigen, sondern sorgen
Angst ist eines der Primärgefühle, das sich zeigt, wenn körperliche Unversehrtheit, Selbstachtung oder -bild bedroht sind. Als Gefühl zeigt sich Angst als Erstes körperlich.
Eine Sorge ist die gedankliche Vorwegnahme einer subjektiven Not beziehungsweise einem Bedürfnis, dessen Erfüllung gefährdet ist. Sorge beeinflusst sowohl Denken, Fühlen als auch Handeln.
Angst | Sorge |
Nur als Gefühl erfassbar | Als Gefühl + mit Ratio erfassbar |
"Fight, Flight or Fright" "Tend + befriend" | Umgang finden ist möglich + Bewegung kann entstehen |
Vorwiegend körperlich spürbar ("die Angst sitzt in den Knochen") | Rational erfassbar ("ich mache mir Sorgen") |
Unklar (Themen sind nicht wirklich greifbar) | Spezifisch (Erkannte Themen können zur Lösungsfindung beitragen) |
Häufig unrealistische, "zu große" Befürchtungen | Realistische Befürchtungen |
Beharrlich | Vorübergehend |
Nicht (wirklich) kontrollierbar | Kontrollierbar |
Ideen, wie Ihr Ängste in die Sprachfähigkeit bekommt, könnt Ihr in "Trotz Bedrohungen handlungsfähig bleiben" lesen. Aufrichtige Empathie beginnt mit der Frage: "Wie geht es Dir?"



