Den Möglichkeitsraum wieder öffnen können
- Judith Andresen

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
In Abständen erwischt es Coaches ganz schön: „Was ist denn hier los?“ + „Bis hierher war doch alles schicko, aber jetzt ist hier dicke Luft". Vielleicht kommt auch ein Gefühl von Wirkungslosigkeit + Kontaktverlust auf: "Wie lange habe ich noch? Das ist heute wirklich zäh." Und was auch da sein könnte, ist auch ein Schlückchen Demotivation: "Heute macht das keinen Spaß mit denen."

Aus dieser Stimmung heraus wirkungsvolle + zielführende Anstöße zu setzen, ist nahezu unmöglich. Die aufzubauenden Coachinghypothesen wollen nicht werden. "Warum sehen die nicht, was sie jetzt tun müssen?" ist keine Frage, aus der sich heraus eine gute Coachinghypothese formulieren lässt. Die Handlungsdirektion der Frage zeigt den Haltungsverlust.
Der*die Coachin in diesem Beispiel ist zu dicht dran + sieht nur noch seine*ihre Lösung. Mit dem Distanzverlust zur Lösung geht auch die Wirksamkeit als Coach*in verloren. In dieser Situation können sie das Systemverständnis der Coachees nicht mehr erweitern, weil sie einfach zu dicht dran sind.
Abstand gewinnen!
Wenn Coaches ihre Lösung schon beim Fragenstellen vor haben + sie womöglich nur innerlich auf den Moment waren, diese zu platzieren, egal ob als Frage oder als Sekundärberatung, dann geht Wirksamkeit der Coaches verloren. Weil sie in diesem Gefühl nur auf ihren richtigen Moment warten + weder hören, sehen noch spüren, was die Coachees gerade bewegt.
In diesen Momenten sind die Coaches bei sich + nicht bei den Coachees. Sie fragen dann nicht mehr für die Coachees + deren Möglichkeits- und Lösungsraum. Sie fragen für sich.

Ob Coaches noch Distanz zur Lösung haben, zeigt sich konkret in ihren Anstößen. So zeigt der Impuls: "Wollt Ihr nicht vielleicht mal eine Rollenklärung machen?" deutlich an, dass Ihr als Coaches genau diese Klärung favorisiert, womöglich als einzige Lösung seht. Und für die Coachees wird genau das spürbar sein. Sie werden sich ihrer Autonomie beraubt fühlen + gehen aus der Verantwortung für das diskutierte Thema: "Wenn er*sie das schon so genau weiß, dann soll er*sie doch machen?"
In genau der gleichen Situation könnte eine Sekundärberatung den Lösungsraum der Coachees aufmachen: "Ihr könntet in der Situation eine klassische Rollenklärung machen, aber eine Konfliktmoderation zwischen ABC und DEF initiieren und das Thema konkret lösen. Ihr könntet aber auch ganz anders herangehen + Euch fragen, was Ihr tun müsstet, damit diese Konfliktsituation erst gar nicht entsteht. Aus welchen Gründen möchtet Ihr welchen Weg gehen?"
Wenn Ihr Euch in klarer Distanz zur Lösung befindet, könnt Ihr mit Euren Anstößen den Raum aufmachen. Im skizzierten Fall kennt Ihr schon eine mögliche Sekundärberatung, eine Aufstellung als Intervention könnte die Coachees unterstützen, bisher nicht erkannte Dynamiken offenzulegen + damit zu arbeiten. Der passende Impuls könnte eine offene Frage der Art sein: "Wenn hier ein Wunder geschehen wäre heute morgen in Bezug auf ABC, was wäre dann anders?"
Im Distanzverlust zur Sache könnt Ihr dieses Spektrum nicht mehr aufmachen. Ihr seid zu dicht an der einen, von Euch für richtig befunden Lösung.
Habe ich nur noch eine Antwort im Kopf?
In Eurem Kopf breitet sich Ungeduld aus: "Wann ist mein Moment, dass ich diese Frage stellen kann?" Zur Ungeduld kommt noch ein bisschen Ärger: "Das kann doch nicht sein, dass sie die Lösung nicht sehen. Das ist doch offensichtlich!" Wenn Ihr so fühlt, seid Ihr nicht bei den Coachees, Ihr seid bei Euch + mit Eurer Lösung.

Wenn sich Ungeduld + Ärger in Euch + Eurem Coachingprozess zeigen, braucht es eine Pause, in der ihr die Chance habt, wieder in Distanz zur Lösung zu kommen.
So wie Ihr für Teilnehmer*innen in Workshops Themen parkt und so aus dem aktuellen Geschehen nehmen könnt, könnt Ihr auch Eure Lösung parken. Schreibt sie auf + legt den Zettel zur Seite. Vielleicht braucht ihr diese Lösung später noch als eine Möglichkeit in einer Sekundärberatung.
Und dann nutzt die Pause für den Schritt zurück. Macht Euch klar, welches Anliegen + welches Ziel Eure Coachees formuliert haben. Was habt Ihr für Beobachtungen gemacht? Wie deutet ihr diese modellbasiert? Welche Anstöße könnten zielführend sein?
Und dann geht es weiter – in größerer Wirksamkeit.
Sehe ich nur die eine, meine Lösung?
Innerlich ungeduldig sein ist das eine, mit den Coachees ungeduldig werden ist ein anderes:
„Die Lösung liegt doch auf der Hand!“ + „Warum sieht das denn niemand?“ gipfeln in „Ich muss das jetzt einfach mal platzieren.“ Aus dieser Stimmung heraus rutschen Coaches manchmal komplett in die Handlung: "Wenn die das jetzt nicht machen, dann mache ich das. Es muss ja mal weitergehen hier."
Im ersten Moment kann es sogar sein, dass die Coachees froh sind, dass jemand die Initiative ergreift. Die Lösung, die dann kommt, ist aber keine Lösung der Coachees. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie nicht oder nicht nachhaltig funktionieren.

Wenn Ihr merkt, dass Ihr nur noch eine Lösung im Kopf habt, nutzt Euer Coachinghandwerk und lasst die Coachees arbeiten. Ein Perspektivwechsel könnte helfen: "Angenommen, Ihr trefft heute abend eine*n gute*n Freund*in. Was erzählt Ihr darüber, was Euch gerade passiert?" Und wenn die Coachees ihre Geschichte + ihren Fokus (+ damit ihr Anliegen) erklärt haben, setzt den Perspektivwechsel fort: "Euer*Eure Freund*in ist ganz schön clever + auch sehr phantasievoll. Der*die hat immer so coole Ideen. Mit welchen drei möglichen Lösungen überrascht sie Euch?"
Vielleicht teilten die Coachees Eure Perspektivlosigkeit auf die eine Lösung, dann werden ihnen jetzt weitere Lösungen einfallen. Wenn an der Stelle doch Sekundärberatung gefragt ist, nehmt genau diese Fragestellung auf: "Welche überraschende Idee könnte hilfreich sein?" Dieser Perspektivwechsel ist nicht nur für die Coachees hilfreich, sondern auch für Euch, um Euch wieder in die Distanz zur Lösung zu bringen.
Stellt mich der Verlauf der Coachingsitzung in Frage?
Manchmal macht sich Enttäuschung in Euch breit: "Das kann doch nicht sein, dass die Sitzung so einen Verlauf nimmt!" Aus Eurer Sicht hattet Ihr offene, stimmige, auf den Zielraum einzahlende Anstöße gesetzt. Und die Coachees kommen nicht auf diese perfekte Lösung. Sondern sie haken + hadern. Und weder der Möglichkeits- noch der Lösungsraum wollen sich öffnen. Das ist eine Wendung, mit der Ihr nicht gerechnet habt.

Und genau diese Wendung stellt Euer Wirken der Coaches in Frage. Aus "Die gehen am Punkt vorbei." wird ein "Das habe ich nicht gut gemacht." Vielleicht reagiert Ihr auf diesen Selbstvorwurf innerlich eher defensiv "Ich kann das einfach nicht.", vielleicht reagiert Ihr eher aggressiv: "Diese Coachees passen nicht zu mir." Ihr seid mit der Frage beschäftigt, wie Ihr Euer Bild von guten Coaches und Eurem aktuellen Handeln übereinander bekommt. Unabhängig von Eurer innerlichen, womöglich auch äußerlich spürbaren Reaktion, seid Ihr in diesen Momenten nicht bei den Coachees, Ihr seid bei Euch + Eurem Selbstbild. Das wird die Coachees nicht weiterbringen. Das ist nicht deren Thema.
Und genau hier könntet Ihr ansetzen: "Ich spüre hier im Raum gerade viel Lähmung. Es fühlt sich für mich nach Wiederholung + in der Dynamik bleiben an. Wenn das so ist, dann ist es so. Aber das könnt Ihr noch besser! Treibt es auf die Spitze. Angenommen, Ihr würdet in dieser Sitzung in Bezug auf Euer Ziel GHI alles falsch machen, so dass Ihr in einem halben Jahr total gescheitert wäret. Was genau hättet Ihr getan, damit die Situation maximal eskaliert? Und wie genau sähe die maximale Eskalation aus?"
Durch das Pessimieren werden die Coachees einen neuen Blick auf ihr System entwickeln können. Mit diesem Blick werdet Ihr Eure Wirksamkeit wieder spüren. Gleichzeitig werdet Ihr Euch von Eurer Lösung trennen können. Diese wird mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht mehr passen.
Zurück in der Haltung wird es Euch gelingen, zielführende Anstöße zu setzen, so dass die Coachees ihren Lösungsraum sehen, erreichen + einlösen können.



