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Bücherstapel (Einrichtung des Seminarliegers VILLA HENRIETTE)

Problem bewundern leicht gemacht!

Dunkelblauer Comic-Blumentopf mit drei Grünpflanzen darin

Die Transition gerät nach drei Iterationen ins Stocken. Die Transitionsteammitglieder sind wenig motiviert, die letzte Iteration fühlt sich nicht so leichtgängig wie die ersten beiden an: "Wir hätten damals nicht einfach so hoppla hopp Methode ABC einführen sollen. Das ist alles nicht durchdacht genug." Im Folgenden diskutiert das Transitionsteam weitere Methoden, welche vielleicht besser passen.


Rechtfertigungen wie "Wenn ich gewusst hätte, dass das Ergebnis ist, hätte ich im Moment ABC mich für DEF entschieden. Das konnte ich aber nicht, weil mir der Umstand GHI nicht bekannt war." verhindern genauso die Bearbeitung aktueller Themen wie Beschuldigungen wie: "Wenn JKL endlich mal machen würde, was in seiner*ihrer Rollenbeschreibung steht. Immer liefert der*die hier dieses unvollständige Zeug ab. So kann das ja nichts werden!" Im Folgenden bestätigen sich die Beteiligten in der Sicht auf die anderen Beteiligten.


Das Review verläuft zäh. Zum wiederholten Male sind bestimmte Aufgaben nicht erledigt worden. In der Aussprache merkt ein Teammitglied an, dass ihm*ihr nicht klar war, was sie hätte tun sollen: "Ich verstehe nicht, was ich tun soll." Der*die Product Owner*in ärgert sich: "Wir haben das doch mehrfach besprochen. Wir brauchen MNO." Im Folgenden wird die UserStory im gleichen Wortlaut in die kommende Iteration übernommen.


Wenn der Blick nach vorne durch das Gestern + das Gewohnte verstellt ist, braucht der Ist-Zustand Aufmerksamkeit. Es gilt, das Problem zunächst mal zu bewundern. Wenn das Problem nicht bewundert wird, bleiben Beteiligte im Gestern hängen. Nur wenn die Beteiligten das Ist angenommen haben, wird ihnen Bewegung + Veränderung möglich sein.


Das Ist ehrlich aufnehmen

Dunkelblaue Comic-Lupe mit hellblauem Glas

Das Ist aufnehmen, heißt hinzuschauen + anerkennen, was + wie es aktuell einfach ist. Dieser Vorgang heißt im Coaching "Problem bewundern", in der agilen Organisationsentwicklung heißt es schlicht "das Ist aufnehmen". In Mediationsprozessen (ALPHA) wird das Ist durch die "Liste der Themen" + "Positionen + Interessen sichtbar machen" gewährleistet. In der gewaltfreien Kommunikation erfolgt die empathische Begegnung wertungsfrei.


Die Ist-Aufnahme macht erst Bewegung möglich: Die Beteiligten können sich nur

  • orientieren, wenn sie wissen, wo sie aktuell stehen + eine Ahnung davon entwickeln, wohin sie streben möchten.

  • bewegen, wenn sie keine Rechtfertigung im Gestern festhält.

  • entwickeln, wenn sie kein schlechtes Gewissen oder andere "Unaufgeräumtes" nach hinten + nicht nach vorne blicken lässt.


Dabei liefert diese Ist-Aufnahme einen schonungslosen + ehrlichen Blick auf das aktuelle Verhalten + das Erleben der Beteiligten sowie deren Ergebnisse. Die Ist-Aufnahme ist keine Ist-Analyse; sie klärt nicht, wie genau die Beteiligten dahin gekommen sind, wo sie sind. Sie klärt nicht alle Beweggründe + Abläufe. Die Ist-Aufnahme erkennt so viel an, wie es notwendig ist, dass die die Beteiligten sich verändern + bewegen können.


Wenn die Beteiligten die aktuelle Sachlage anerkennen, können sie jenseits von Beschuldigungen, Rechtfertigungen, Fehlern, Schuld + Scham bewegen und so Lernen + Entwicklung ermöglichen.


Das Problem bewundern

Großer, hellblauer, zweihenkliger Gewinnerpokal, darauf ein weißer Stern

Eine Haltung, die bei der Ist-Aufnahme ungemein unterstützend wirken kann, ist das Bewundern. Der Duden (duden.de, zuletzt gelesen: August 2025) definiert "bewundern wie folgt:

"eine Person oder ihre Leistung, eine Sache als außergewöhnlich betrachten und staunend anerkennende Hochachtung für sie empfinden [und diese äußern]"

Wenn die Beteiligten mit Ruhe, ein neugierig + offen die Sachlage erkunden und Vorgehen, Wirkungsweisen + Resultate wie Forscher*innen untersuchen, ihre Beobachtungen + Erkundungen offen, vielleicht ein bisschen ehrfürchtig schildern, dann entsteht ein neuer Raum voller Überraschungen + Erkenntnisse: "Guck mal, so handeln wir. Und das kommt da alles bei raus."


Wer bewundert, also das Ist als außergewöhnlich + staunend betrachtet, kommt aus Schuld + Scham heraus. Im Bewundern steckt Anerkennung + Lösung von Rechtfertigung + Beschuldigung: "Ja, das ist echt krass, groß + besonders. Wir sind wirklich gut im Phänomen PQR. Mit dem einher kommt auch STU um die Ecke. Im Ergebnis erreichen wir in Summe VWX."


Wer das Problem bewundert, kann genau dieses Thema loslassen + zukünftig behandeln: "Es ist, wie es ist. Und es ist besonders!"


Das wertungsfreie, den Möglichkeitsraum öffnende Bewundern könnt Ihr methodisch stützen. Nehmt Euch Zeit für das Bewundern. Viele Beteiligte möchten schnell vom Bewunderungs- in den Lösungsmodus wechseln. Es lohnt sich, viele Facetten, Wirkungen wie Nebenwirkungen, in der Ist-Aufnahme zu befassen: "Jetzt habt Ihr schon geguckt, wie die Durchlaufzeiten Eurer Ideen sind. Ihr habt Euch die typische Verweildauer im Backlog angeguckt und Ihr habt festgestellt, wie viele UserStorys in einem Epic so typischerweise drinnen sind. Jetzt kommt eine neue Aufgabe: Erfindet drei besondere, noch nie gesehene + ungewöhnliche KPIs, findet gute Beispiele + starke Ausreißer für diese KPIs. Ihr habt fünfzehn Minuten Zeit. Danach machen wir ein Review auf Basis Eurer neuen KPIs."


Methodisch das Problem bewundern

Dunkelblauer, leerer Werkzeugkasten

Nicht nur mit neuen, ungewöhnlichen KPIs könnt Ihr dem Ist auf die Spur kommen. Symbol- und Aufstellungsarbeit könnte Euch genauso dienlich sein wie der Spotify Squad Health Check, bei dem die Teilnehmer*innen in den Ampelfarben grün, gelb + rot viele verschiedene Teamstatus sehr unterschiedlicher Kategorien (wie zum Beispiel: Support, Teamwork, Mission, Lernen, Spaß) erfassen. Die Debatte entsteht dabei auf dem Gesamtbild aller Squad-Mitglieder, auf Mustern + Eindrücken, die sich ergeben.


Auch das Wechseln des Mediums kann dienlich sein. Eine Zeichnung, eine kleine Geschichte oder ein fiktiver Zeitungsartikel geben eine neue Sicht. Statt direkt über Fehler oder Versäumnisse zu sprechen, beschreiben die Beteiligten, wie ihre Zusammenarbeit aussieht oder sich in Schlagzeielen liest. Nach der Kleingruppenarbeit können die Beteiligten ihre Erkenntnisse in einer Redaktionssitzung oder einem Galeriegang austauschen + womöglich im Vergleich weitere Aspekte des Ists identifizieren.


Eine unbeschränkte Ist-Aufnahme wird ein größeres Bild liefern. Wenn Ihr die Beteiligten einfach um eine Beschreibung des Ists fragt, tut dies parallel mit einem Sprechverbot von "ja, aber" oder "Du musst bedenken, dass..."


In allen Methoden kann Humor die Beteiligten unterstützen, das Ist in die Sprachfähigkeit zu bekommen. Mit humorvollen Zuspitzungen können die Beteiligten Wahrheiten aussprechen und so die Ist-Aufnahme ergänzen. Humor + gemeinsames Lachen machen Widersprüche annehmbar.

Auch hilft das humorvolle Überdrehen beim Benennen des Ists: "Angenommen nächste Woche steht wieder die Absurdistan-Organisationsolympiade an. In welchen Sparten solltet Ihr unbedingt antreten? Welche Platzierung strebt Ihr an?"


Diese unterschiedlichen Methoden verfolgen alle das gleiche Ziel: sie unterstützen die Beteiligten, ihr Problem wirklich zu bewundern. Mit dem Erkennen des Für + Wider, des Guten + des Doofen, der Wirkung + der Nebenwirkungen wird den Beteiligten eine gute Ist-Aufnahme gelingen.


Das Problem zu bewundern, sorgt für Leichtigkeit, Distanz + gleichzeitige Anerkennung des Ists. Das ist ein perfekter Ausgangspunkt, um zu neuen Ufern aufzubrechen.



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