Warum "besser werden" der größte Fehler sein kann (Kaizen + Kaikaku)
- Judith Andresen

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Henry Ford hat Mobilität revolutioniert. An Stelle von Pferd + Wagen konnten Menschen durch Henry Ford, der auf das Fließband als Fertigungsmittel setzte, eine bezahlbare, weniger wartungsintensive Mobilität nutzen. Henry Ford wird das Zitat nachgesagt:
"Wenn die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie schnellere Pferde verlangt nicht Autos"
An Stelle die Pferde-Ökonomie zu verbessern (also im System zu arbeiten), hat Henry Ford das System als Solches geändert. Er hat mittels des Fließbandes vermocht, Mobilität neu zu denken + zu ermöglichen.
An Stelle von Kaizen hat Henry Ford Kaikaku durchgeführt.
Für Organisationen stellt in Zeiten von KI + Robotik die grundlegende Frage, ob jetzt Arbeiten im System oder Arbeiten am System angesagt ist. Kaizen + Kaikaku sind die zugehörigen Vorgehensmodelle.
Dabei gilt: die Pferde-Ökonomie izu Zeiten Fords st nach der Einführung einer anderen, bezahlbaren, ständig einsetzbaren + leicht zu pflegenden Mobilität stark geschrumpft. Der Kund*innenkreis, der sich für Hufbeschläge, Ställe, Sättel, das perfekte Futter + Wagen interessierte, ist deutlich geschrumpft, während sich eine neue Ökonomie um Wartung, Reparatur + Treibstoffversorgung der neuen Mobilität entwickelte.
Doch wie genau könnten die Beteiligten den Moment erkennen, wo sie die Pferde hinter sich lassen sollten + dafür sorgen, dass sie zukünftig Teil der Auto-Ökonomie sind?
Und dann ist "besser werden" der größte Stolperstein, den Eure Organisation jemals erfahren konnte. Weil der eigentliche Bedarf + die Masse der Kund*innen Euer Produkt + Euren Service schlicht nicht mehr braucht.
Für viele Organisationen könnte künstliche Intelligenz das Fließband sein, welches vollkommen neue Produkte + Services ermöglicht, mit denen der Organisationszweck auf eine radikal andere Art umgesetzt + geliefert wird. Dabei gilt: "Prinzip Hoffnung ist keine Führungsstrategie." Was Ihr braucht, ist eine bewusste Entscheidung für Kaizen oder für Kaikaku.
Wir stellen Euch drei Methoden vor, mit denen Ihr prüfen könnt, ob Ihr weiter auf Kaizen setzen solltet oder Kaikaku angesagt ist.
Fünf Jahre ohne Veränderung vorausdenken

Die erste Methode ist ein gemeinsames Gedankenexperiment. Nachdem Ihr klar, ehrlich + akzentuiert Eure Ist-Situation aufgenommen habt, erörtert Ihr, wie Ihr auf normativer + strategischer Ebene als Organisation denkt + handelt.
Anschließend macht Ihr einen gemeinsamen Zeitsprung, der das heutige Ist für fünf Jahre fortschreibt. Dabei schreibt Ihr alle das Ist beschreibenden Elemente fort.
Hierfür empfiehlt sich eine Visualisierung für die Ist-Aufnahme. Wenn diese in Rubriken eingeteilt ist, übernehmt Ihr diese Rubriken für die Darstellung in fünf Jahren. Ihr beschreibt also gemeinsam das zukünftige Ist:
"Stellt euch vor, ihr verändert nichts + Ihr setzt Euren aktuellen Kurs einfach fort. Wie sieht Eure Welt in fünf Jahren aus? Wie seht Ihr dann aus? Seid Ihr mehr oder weniger? Welche Bedeutung hat Euer Produkt dann (noch) am Markt? Gibt es Eure Organisation in dieser Form überhaupt noch? Werden Eure Produkte + Services weiter angefragt? Welchen Produkte + Service nutzen Eure heutigen Kund*innen stattdessen?
Mit den Antworten werdet Ihr herausbekommen, ob sich Kaizen oder Kaikaku lohnt. Wenn der Bedeutungsverlust droht oder sich eine disruptive Idee zeigt "ein neues Mitbewerber löst das Kund*innenproblem direkt + autonom", dann ist es Zeit für Kaikaku.
Mittels Lean Canvas einen Blick für die neue Lösung entwickeln

Die zweite Methode ist das Formulieren eines Lean Canvas, mit dem Ihr Euer aktuelles Produkt oder Eure aktuelle Dienstleistung auf den Kern bringt.
Ihr formuliert das Kund*innenproblem, die Lösung + Euren unfairen Vorteil. Achtet insbesondere auf die Rubrik "Bestehende Alternativen im Heute".
Nach dem ersten Durchgang erörtert Ihr die Alternativen der Zukunft. Wie wäre die schnellste, für die Kund*innen beste + einfachste Lösung für das von Euch benannte Kund*innenproblem?
Mit dieser Alternative könnt Ihr für Euch klären, ob Ihr das bestehende Produkt oder Service weiterentwickeln oder gänzlich neu denken möchtet.
Einfach die Boote verbrennen + etwas Neues wagen
Auch die dritte Methode ist ein Gedankenexperiment. Viele klammern sich an Kaizen, weil es sicher anfühlt + wir den Komfort der Komfortzone schätzen. Mit der Vorstellung, die Boote zu verbrennen, adressiert Ihr die psychologische Barriere der Verlustaversion.
"Stellt Euch folgendes Szenario vor: Ab morgen ist Euer aktuelles Produkt beziehungsweise Euer Service gesetzlich + absolut verboten. Ihr dürft ihn nicht mehr anbieten – Punkt. Was tut Ihr nun mit Euren Kompetenzen, Euren Talenten + Eurer Infrastruktur? Was könnt Ihr mit dem, was Ihr habt + könnt, Neues kreiieren?
Mit diesem Szenario könnt Ihr prüfen, was Ihr vollkommen Neues mit Euren Ressourcen erschaffen könnt. Achtet darauf, dass Ihr wirklich die Boote verbrennt + nicht zu klein oder zu nah an den bestehenden Produkten oder Services denkt. "Burn the Boats" macht den Weg frei für echte Handlungsalternativen, die jenseits des bisherigen Geschäftszwecks und -modells liegen.
Und es kann sein, dass dieses Szenario für Euch deutlicher attraktiver ist als Euer aktuelles Handeln. Dann ist Kaikaku ist kein Risiko, sondern eine großartige Zukunft.
Welcher Weg ist eurer?
Immer nur Kaizen zu machen, funktioniert nicht. Kaizen funktioniert nicht ohne Kaikaku.
Es braucht Eure klare, strategische Entscheidung, ob Ihr im konkreten Fall auf Kaizen oder Kaikaku setzt. Wer ständig auf Kaizen setzt, wird den Moment verpassen, indem die Kund*innen ihre Mobilität von Pferden auf Autos verlagern + Ihr Euch aus dem Markt "herausoptimiert".
Prüft Eure aktuelle Strategie: Reicht ein „Besser“ im System aus, um in fünf Jahren relevant zu sein? Oder ist es Zeit, Euer System selbst zu transformieren? Kaizen sichert Euer Heute. Und Kaikaku könnte Euer Morgen sichern.


