Agil - ganz oder gar nicht?

Agile Projektmethoden sind weiterhin in vieler Munde, wenn es um die Frage geht, wie Projekte erfolgreich umgesetzt werden können. Dabei begegnet uns immer wieder der Ansatz, eine Projektmethode für alle vorhandenen Aufgaben einsetzen zu wollen.

 

Scrum oder Kanban sind die jeweils alleinigen Lösungsansätze. Gleichzeitig schwingt der Respekt vor der großen Aufgabe "Organisationsentwicklung" mit. Es werden Allianzen gebildet, Organisationsstrukturen auf Papier geplant und zukünftige Rollen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter festgelegt. Nach ausgiebiger Planung wird das Projekt "Agil werden" entweder wieder verworfen oder aber in einer schwergängigen Umstruktierungsmaßnahme begonnen. Bevor agiles Arbeiten überhaupt anfängt, wird die "Einführung von Agilität" zäh.

Agil werden - Learning by doing

Das Agile Manifest mit seinen zwölf Prinzipien fordert die regelmäßige Reflexion der eigenen Arbeitsweisen. Diese Reflexion muss sich immer auch auf etablierte Arbeitsmethoden und Vorgehensweisen konzentrieren. Dabei gilt der Grundsatz: Iterativ und Inkrementell. Oder anders gesagt: kundenzentriert einfach schnell liefern.

 

Schnell liefern gilt auch für die Umstellung der Methoden: Just do it! 

 

Anstatt also von Anfang an die Auflösung aller Abteilungen und die Bildung von agil arbeitenden Projektteams zu diskutieren, solltet Ihr einen Schritt finden, der verhältnismäßig einfach umzusetzen ist. Es muss nicht die perfekte Lösung für alle Beteiligten gefunden werden - sondern ein für die Beteiligten machbarer Schritt. Dieser kann zu Beginn lauten, die aktuellen Abteilungen ihre eigene Zusammenarbeit durch regelmäßige Retrospektiven reflektieren zu lassen. Auch können Wandzeitungen beziehungsweise Boards, die den aktuellen Arbeitsprozess und die vorhandenen Aufgaben für die Beteiligten transparent machen, den ersten Wandel anregen.

 

Nähert Euch neuen Prozessen in kleinen Schritten an und reflektiert auf der Prozessebene, um die nächsten Schritte daraus abzuleiten. Dabei lernt ihr vor allem das eine: das Lernen an sich.

Agile Projekte als Prototyp

Wenn agile Methoden - wie zum Beispiel Scrum - für Euch attraktiv klingen, müsst Ihr nicht auf einen Schlag sämtliche Projektarbeit auf die neue Methode umstellen. Startet einfach mit wenigen Projekten - vielleicht sogar nur einem. Hierbei können natürlich auch laufende Projekte, die ins Stocken geraten sind, gewählt werden. Bei der Auswahl geeigneter Projekte kann Euch das Cynefin-Framework helfen.

 

Multitasking kostet Zeit und Energie. Durch den Fokus auf wenige agile Prototyp-Projekte ermöglicht Ihr Euch das schnellere Sammeln von Erfahrungen. Gleichzeitig bekommt Ihr eine erste Idee davon, wie Ihr in Zukunft Projekte erfolgreicher umsetzen könnt. Dabei ist eines sicher:  die eine perfekte Methode für all Eure Aufgaben gibt es nicht. Eure Methode muss sich den Anforderungen anpassen - nicht umgekehrt.

Reflexion auf Prozessebene

Unabhängig davon, welchen ersten Schritt Ihr für die Veränderung Eurer Zusammenarbeit wählt, gehört eines immer dazu: Die Reflexion der gewählten Schritte. Die Veränderung von Methodenbausteinen, Prozessschritten oder gar einer ganzen Organisation ist ein komplexer Prozess. Ihr braucht eine Ebene, die genau diesen Prozess begleitet, Entscheidungen trifft und getroffene Entscheidungen reflektiert, um eine nachhaltige Veränderung anzuregen.

 

Retrospektiven sind in der agilen Welt das lernende Moment. Sie dienen als Reflexionsbaustein in Projekten und in der agilen Transition - also der Reflexion auf Prozessebene. Mehr über Retrospektiven findet Ihr übigens im Buch: Retrospektiven in agilen Projekten.

 

Agiles Arbeiten ist kein Selbstzweck. Macht Euch stattdessen klar, was ihr mit der Veränderung der Arbeitsweisen erreichen möchtet. Und fragt Euch, welche kleinen, möglichst einfachen Schritte es auf dem Weg dahin geben kann.

Agilität ausrollen

Wenn die ersten Schritte gemacht wurden, wird es irgendwann Zeit, neue agile Prototyp-Projekte aufzusetzen oder agile Methodenbausteine auch in andere Teams oder Abteilungen zu übertragen. Hierbei ist es an Euch, bewusst zu entscheiden, welches Vorgehen für welchen Arbeitsbereich Sinn macht. Verabschiedet Euch von dem Gedanken, dass Scrum nur dann gut ist, wenn es umgesetzt wird wie im Scrum Guide beschrieben. Ihr selbst bestimmt das eigene Maß an "Agilität".  Es ist Euer Job dafür zu sorgen, dass die betroffenen Bereiche ins Lernen und Liefern kommen und herausfinden, wie die Zusammenarbeit gut funktioniert.

 

Freut Euch darauf, dass agil vor allem dann ist, wenn ihr alle eine Projektmethode gefunden habt, die funktioniert.

"Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufrieden zu stellen."

Erstes Prinzip hinter dem agilen Manifest


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