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Retrospektiven | Echtes Lernen schafft Fortschritt + Produktivität

Als agile Coaches begegnen wir oftmals offenen oder verdeckten Widerständen bei Retrospektiven. Wir hören Aussagen wie:

  • "Es ist doch klar, was schief läuft - dafür brauchen wir keine Retro."
  • "Können wir die Zeit nicht sinnvoller nutzen und am Produkt arbeiten?"
  • "Lasst uns doch für heute die Retro kürzen, wir haben alle noch viele weitere Termine."
  • "Ich möchte einfach meine Arbeit machen, ich weiß nicht was das damit zu tun haben soll, wie ich mich gerade fühle."
  • "Ich finde Retros sehr wichtig, aber die ändern ja nichts."
  • "XYZ und ABC sind im Urlaub. Wir sind zu wenige, wir sollten die Retro ausfallen lassen."

Mit anderen Worten: diese Retrospektiven haben keinen (Mehr-)Wert für das Team.

sELBSTORGANISATION: eine komplexe Aufgabe bewältigen

Wenn Teams selbstorganisiert arbeiten und sich eine komplexe Aufgabe erfüllen (sollen), ist eine iterativ, inkrementelle, lernende Vorgehensweise das Mittel der Wahl.

 

Das gemeinsame Lernen ist für Fortschritt und Produktivität unerlässlich. Das gemeinsame Lernen stellt sich aber nicht einfach dadurch ein, dass das Team regelmäßig einen Termin mit dem Namen "Retrospektive" im Kalender stehen hat.

 

Beim gemeinsamen Lernen geht es

  • um echten Austausch,
  • ums Dinge anders machen, also
  • um eine wirkliche Veränderung im täglichen Arbeiten.

Symptome für ineffiziente Retrospektiven erkennen

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum eine Retrospektive das Versprechen auf das gemeinsame Lernen + Veränderung im Team nicht einlöst:

  • Teams führen nur einen Methodenbaustein einer Retrospektive (zum Beispiel "mad / sad / glad" oder "start / stop / continue") durch und leiten direkt Maßnahmen ab.
  • Die Teammitglieder kommunizieren nicht auf Augenhöhe.
  • Teams konzentrieren sich auf fachliche Änderungen und meiden die zwischenmenschlichen Themen.
  • Die mitgenommenen Maßnahmen werden nicht umgesetzt.
  • Die Maßnahmen haben keinerlei Verbindung zu den vorher benannten Symptomen oder heraus gearbeiteten Ursachen.
  • Die vereinbarten Maßnahmen sind zu groß oder zu theoretisch. Im Ergebnis setzt diese niemand um.
  • Teams haben das Gefühl, dass alle notwendigen Veränderungen außerhalb ihres Wirkungskreises liegen.
  • Teams finden keine neuen Maßnahmen.
  • Teams erleben keinerlei Wertschätzung innerhalb oder außerhalb für das Lernen im Team.

Egal, welche der genannten Symptome auftritt: alle führen dazu, dass keine Veränderung stattfindet. Wenn Ihr in dieser Situation fragt, ob Retrospektiven sinnvoll sind, werdet Ihr unterschiedliche Antworten erhalten:

  • Einige äußern, dass die Zeit als sehr wertvoll empfinden. Vielleicht weil sie dadurch aus ihrem Arbeitstrott oder ihrer Arbeits(über)last für einen Moment gelöst werden. Vielleicht aber auch, weil dieses die einzige gemeinsame Teamzeit ist.
  • Einige zeigen offenen oder verdeckten Widerstand. Sie reklamieren die Ineffizienz dieser Retrospektiven oder meiden die Teilnahme.

Die Symptome sprechen aber für sich: die Retrospektiven bringen keine Veränderung, sie bringen kein Lernen ins Team. Sie schaffen keinen Wert, sie kosten nur Zeit.

 

Neue Erfahrungen ermöglichen = LERNEN

Als (agile) Coaches können wir dazu beitragen, dass diese Zeit gut genutzt wird. Damit Retrospektiven für die Beteiligten wertvoll sind, sind ein paar grundlegende Fragen zu beantworten:

  • Wozu macht das Team Retrospektiven?
    Was will das Team mit dem gemeinsamen Lernen erreichen?
    Hat das Team seinen Zielraum klar?
  • Was sind meine Beobachtungen in dem Team?
    Was sehe und höre ich?
    Was vielleicht nicht?
  • Wie interpretiere ich dieses Beobachtungen?
  • Welcher Impuls, Intervention oder Sekundärberatung kann das Team ins gemeinsame Lernen in Richtung des Team-Zielraums bringen?

Viele Teams folgen Tag für Tag "alten" Mustern. Es kann hilfreich sein, Teams aus diesen Mustern "herauszuschubsen" und Dinge komplett anders zu machen. Und vielleicht braucht auch die Team-Retrospektive einen vollständig neuen Rahmen und/oder Ablauf, um neue Wirkung zu entfalten. Vielleicht braucht das Team ein ganz anderes Lernformat?

 

In komplexen Umgebungen gehört das Lernen beim iterativ-inkrementellen Vorgehen zum Erfolg.

"Lernen" ist mehr als eine leere Worthülse. Lernen kann anstrengend sein, gerade wenn die Teammitglieder neue Erfahrungen machen und/oder ganz anders als sonst handeln. 

 

Unsere Aufgabe als (agile) Coaches ist es, genau darauf einen Blick zu haben, auf Stimmigkeit zu challengen und mit hilfreichen Anstößen Teams zu begleiten, echte Veränderung zu erzeugen -- nicht nur in Worten, sondern in Taten - und damit durch echte Erfahrungen. 

Wenn Teams das gelingt,  dadurch wirkliche Veränderungen auf die Straße bringen, dann sind Retrospektiven keine Zeitverschwendung, sondern ihre Zeit mehr als wert.


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