Sei perfekt!

Elementare Wahrheiten aus der Schule können uns das gesamte Leben begleiten. Wer die Fehlerkultur der Schule unüberlegt übernimmt, gerät Gefahr, unter dem Zwang zum Perfektionismus zu ersticken.

Bildquelle: FlickR
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Wenn wir im Berufsleben ankommen, haben wir prägende Jahre hinter uns. Wir lernen über einen langen Zeitraum (neun bis zwölf Jahre) Erfolgsrezepte im Umgang mit Fehlern. Uns leiten in der Schule einige Paradigmen:

  • Fehler führen zu schlechten Noten.
  • Wer dauerhaft Fehler macht, wird der Gruppe verwiesen. 
  • Es kann zum Gruppenunmut führen, wenn man Verständnisfragen stellt.

Auf diese Paradigmen antworten wir mehrheitlich durch gesellschaftlich, d.h. in der Schulgemeinschaft, anerkannte Erfolgsrezepte:

  • Wir versuchen zu verbergen, wenn wir etwas nicht verstanden haben.
  • Wir versuchen, jemanden anderen Schuld für eigene Fehlleistungen zu geben.
  • Wir stellen keine Verständnisfragen.

Mit diesem Erfolgsrezept gehen wir in das Berufsleben über. In Stellenausschreibungen werden andere Typen und andere Umgangsformen gesucht: "Teamfähigkeit" ist eine der häufigsten Beschreibungen für gesuchte Mitarbeiter.

 

Der Einzelkämpfer bzw. die Einzelkämpferin, der oder die versucht, möglichst nicht aufzufallen, soll nun eine selbstbewusste und selbstverantwortliche Rolle in einem Team wahrnehmen. Für gute Teams gilt, dass alle Mitglieder sich über die Stärken und Schwächen der Beteiligten im Klaren sind, und entsprechend kluge Entscheidungen über Aufgabenschnitt und -verteilung vornehmen.

 

Während uns Schule beibrachte, Stärken zu betonen, haben wir gelernt, Schwächen zu verheimlichen oder sogar zu vertuschen. Um Team-Arbeit erfolgreich zu gestalten, ist es aber dringend notwendig, auch die eigenen Schwächen benennen zu können.

 

An dieser Herausforderung scheitern viele Menschen. Die Forderung der Schule "Sei perfekt!" wird von vielen Menschen unbewusst und unüberlegt übernommen. Diese Handlungsanweisung führt nicht nur zu dem beschriebenen Kommunikationsverhalten rund um Fehler, sie weist auch in Richtung des Burn-Outs. 

 

Kommt zur Schulerfahrung, dass Schwächen mit dem Ausschluss aus der Gruppe (Klassen- oder Schulveränderung) einhergehen, noch der Flurfunk, dass auf Fehler im Unternehmen hart reagiert wird, öffnet sich das weite Feld der Politik:

  • Zeige immer auf andere!
  • Lenke von Deinen Schwächen ab!
  • Benenne niemals - auch nicht implizit - Schwächen von Vorgesetzten!

Unternehmenskultur prägt sich durch das nicht erklärte Handeln aller Beteiligten aus. Das Verhalten beruht auf nicht formulierten Grundannahmen -- zum Beispiel zum Umgang mit Fehlern. Für viele Kollegen und Kolleginnen stammen die Grundannahmen über den Umgang mit Fehlern aus ihrer eigenen Schulzeit. 

 

Der offene Umgang mit Fehler und eine ständige Optimierung der eigenen Arbeit rechnet sich für Unternehmen. Gleichzeitig macht es den Beteiligten mehr Spaß, in so einem Umfeld zu arbeiten. Wenn Fehler nicht mehr Bestrafungen induzieren, sondern zum Berufsalltag dazu gehören, werden alle zu Gewinnern, die an der Aufdeckung von Fehlern und der folgenden Veränderung mitwirken.

 

Damit dies gelingt, müssen die Beteiligten ihr Handeln und die sich ergebenden Resultate reflektieren. Team- und Unternehmensretrospektiven sind ein Mittel, diese Reflektion zu gestalten. Weitere Mittel sind Reviews, Supervision oder Post-Mortem-Analysen (wenn das eigentliche Projekt vollständig gescheitert ist). Neben der faktischen Betrachtung "Warum haben wir den Fehler zugelassen bzw. nicht gesehen?" ist auch immer die Frage danach zu stellen, ob die Beteiligten Schwierigkeiten hatten, den Fehler zu benennen.

 

Es gilt, ein Bewusstsein im Team dafür herzustellen, ob und wann die Team-Mitglieder Schwierigkeiten haben, den sprichwörtlichen "Elefanten im Raum" [Wikipedia] zu benennen. Entsprechend Impulse sind während der Reflexionen zu setzen. Es ist den Team-Mitgliedern überlassen, ob sie die Gedanken dazu mit dem Team teilen möchten. Jeder, der dies erfolgreich kann, wird eine offene Fehlerkultur im Unternehmen ermöglichen.  

 

Für eine erfolgreiche, offene, anregende und motivierte Arbeit ist es notwendig, dass wir die Fehlerkultur unserer Schulzeit hinter uns lassen.


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